Das ukrainische Campingleben (erlebt 2006)
Kürzlich erzählte ein flüchtiger Bekannter, dass er, da er nun drei Kinder habe, aus finanziellen Gründen keinen Urlaub mehr machen könne. Für ihn mag diese Aussage richtig sein, da er bestimmte Vorstellungen von einem Urlaub hat (z. Bsp. Hotelurlaub am Meer). Definiert man aber Urlaub im Sinne von „Erholungsaufenthalt“, so kann man schon Urlaub mit ganz wenig Geld machen. So wie wir das dieses Jahr in der Ukraine beobachteten.
Es verschlug uns ungeplant mit unserm Tandem nach Sanschaika (= „Sonnenmöwe“), einem Dorf am Schwarzen Meer unweit von Odessa, wo wir krankheitsbedingt 20 Tage „hängen blieben“ und viele Camper an- und abreisen sahen. Ihr Urlaub verlief meistens nach gleichem Muster:
Ein ca. 15 Jahre altes Auto hält nahe des Strandes an, ohne dass der Fahrer Zeit für die Suche eines besonders schönen Platzes verschwendet. Es steigen die 5 bis 6 Familienmitglieder aus. Alle haben schon ihr Tuch in der Hand und die Badesachen an, 3 Minuten später baden alle im Meer. Du weißt noch nicht, ob es sich nur um Badegäste oder aber um neue Campingnachbarn handelt. Nach etwa einer Stunde verlässt ein Teil der Familie das Wasser und baut ein Zelt auf. Es gibt zwei Arten von Zelten: Ein ca. uraltes Leinwandzelt (z. T. ohne Boden) oder ein neues billiges Kuppelzelt minderwertigster Qualität.
Eines haben beide Zeltarten gemeinsam: Sie sind nicht wasserdicht! Einmal haben wir nach einem Gewitter (Es regnete nur zweimal in den 20 Tagen.) einen regelgerechten Katastrophenausflug über den Zeltplatz gemacht! Um die alten Leinwandzelte wird deshalb immer mit Axt oder Spaten ein Wassergraben gezogen. Nägel, Bretter, Pfosten, Hammer und Zange hat man auch dabei. Damit werden Tisch, Stühle und ein „Klo“ gezimmert, wofür man in der Umgebung noch Brauchbares zusammensucht.
Das „Urlaubsklo“ unterschiedet sich für die Landbevölkerung kaum von dem zu Hause: 50 Meter vom Zelt entfernt wird ein 50 cm tiefe trapezförmige Grube ausgehoben und ringsum mit Pfosten und Stoff- oder Plastikplanen ein Sichtschutz angebracht. Nach dem „Großen Geschäft“ empfiehlt es sich, etwas Erde über das „Häufchen“ zu geben, um Schmeißfliegen und die damit nachfolgenden Würmer abzuhalten.
Für das Zelteinrichten braucht der Ukrainer / Russe / Moldawier nicht lange. Als Unterlage benutzt er entweder die Luftmatratze, mit der er sich tagsüber so gerne auf dem Wasser schaukeln lässt. Oder er hat eine dicke Baumwolldecke, die zu hause im Winter wahrscheinlich als Bettdecke dient. Die Zudecke ist ein großes grob gewebtes Tuch. Das Tuch dient zugleich als Strandlaken und Handtuch. So ist das Zelt tagsüber faktisch leer, denn Luftmatratze und Tuch nimmt man ja mit zum Strand! Nach einer Reisetasche mit Klamotten suchst du vergeblich, denn den ganzen Tag über trägt man das Badezeug. Der Camper geht nirgendwohin. Nur zum Lebensmittelladen muss er, da kann er auch mit Badezeug hingehen, und er hat ja auch noch die Klamotten, die er auf der Autofahrt anhatte.
Zur Wasserversorgung (Hände-, Gemüse- und Geschirrwaschen) baut man sich ein „Waschbecken“, indem man in den Boden einer 2 Liter – Plastikflasche ein großes Loch schneidet, um Wasser aufzufüllen und zwei kleine Löcher für den Strick zum Aufhängen an einen Baum (kopfüber). Siehe Foto unten rechts!
Durch vorsichtiges Aufschrauben tröpfelt nun Wasser heraus. Geht der Camper baden, nimmt er Wasser aus dem Meer mit zum Zelt. Damit füllt er die Flasche auf. Er wäscht sich mit dem Salzwasser nicht nur die Füße, putzt sich die Zähne, sondern kocht davon auch seine Suppe.
Für das Kochen wird die ganze Familie eingespannt. Der Mann setzt den Benzinkocher (uralt oder Marke Eigenbau aus Lötlampe und Auspuffkrümmer) in Betrieb. Der Kocher will oft nicht recht funktionieren, dann muss der Mann Feuer in der Kochgrube machen. Zwei Familienmitglieder kaufen ein (1 Einkauf pro Mahlzeit), andere putzen / reiben das Gemüse und schneiden den Salat. Oft wird der große Topf umgerührt, bis alle essen können. Das Bereiten einer Mahlzeit dauert mindestens eine Stunde, auch die Frühstückssuppe wird so aufwändig gekocht, so dass wir früh fast immer die ersten am Strand waren. Außer Suppe isst der Ukrainer / Russe / Moldawier in rauen Mengen „Pamadore“ (=Tomaten, 2 Griwna / kg) und Melonen (1 Griwna / kg). Ich schätze, dass der durchschnittliche Camper im Urlaub täglich nicht mehr als 20 Griwna (ca. 3 €) ausgibt.
Der Camper kauft das Gemüse / Obst / Milch bei verschiedenen Dorfbewohnern, wobei er sich vorher genau bei jedem nach den Preisen erkundigt. Er geht beim Einkaufen immer in mindestens zwei Geschäfte, obwohl sich das Angebot nur minimal unterscheidet. Er isst gern Eis (1 Griwna). Märkte (Foto) gab es nur in größeren Orten.
Dem Camper gefällt es am Zelt so, dass er dort auch tagsüber mehr Zeit als am Strand verbringt. (Der Zeltplatz war in Sanschaika durch ein Steilufer vom Strand getrennt. „Zeltplatz“ = kostenloser Platz zum Zelten, d. h. landwirtschaftlich ungenutzte kilometerlange Wiese entlang des Ufers). Der Camper liebt Musik. Er lässt leider oft das Autoradio dudeln.
Man freut sich mehr über braungebrannte Zeltnachbarn als über bleiche, denn die Braungebrannten stammen vom Land und sind es gewöhnt, früh schlafen zu gehen.
Der Zeltabbau geht sehr rasch vonstatten und erfolgt zu beliebigen Tageszeiten, so dass es sein kann, dass du vom Strand kommst und unbemerkt neue Zeltnachbarn bekommen hast.
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