Fränkische Schweiz

Ausfahrt in die Fränkische Schweiz
30./31.September 2005

Oder: Vorteile von Tandemfahrten

Schönes Wetter verlockt uns zu einer spontanen Wochenendtandemtour. Auf dem Boden haben wir einen speziellen Schrank, in dem alles dafür Erforderliche beieinander liegt und rasch eingepackt werden kann: Radtaschen, Schlafsäcke, Unterlagen, Kochgeschirr. Nun noch schnell Verpflegung aus der Küche und die Zahnbürsten aus dem Bad geholt, inzwischen hat Uwe den Hänger ans Rad montiert, und wir können starten. 11 Uhr ist schon recht spät für einen Start in eine Wochenendtour im Herbst. Aber besser als ganz daheim geblieben! Von Cottenau rollen wir ins Maintal hinab und folgen dem teilweise neu angelegten Radweg im Tal der Trebgast bis Crottendorf. Nun geht es auf dem beschilderten Radweg „BT 37“ hinauf nach Theta. Eigentlich wollen wir später in dem wunderschön umgebauten Bauernhof in Obertheta einkehren, aber der Mittagshunger treibt uns schon in Theta in den „Sonnenhof“ – Biergarten hinein, wo wir nur ein mäßiges Essen bekommen. Trotzdem scheint das Lokal sehr beliebt zu sein, vielleicht freuen sich die Städter aus Bayreuth so, mal im Grünen zu sitzen. Wir dagegen wohnen selbst in einem alten Bauernhaus wunderbar im Grünen und halten in Wirsberg bestimmt den Rekord des „Im – Garten – Essens“. Weiter radeln wir hinab nach Altenplos, und nach Überqueren der B 85 sind wir schon in der Fränkischen Schweiz. Die Sonne scheint und lässt das Laub der Bäume bunt aufleuchten. Heute ist ein Wetter zum Postkartenfotografieren, ein richtig goldener Herbsttag. Wir singen: „Bunt sind schon die Wälder, gelb die Stoppelfelder, und der Herbst beginnt…“. Auf dem Tandem kann man wunderbar miteinander singen. So sangen wir am Staffelstein das Frankenlied, am Rennsteig Herbert Roths „Wir wandern ja so gerne den Rennsteig übers Land“ und bei der vergeblichen Suche nach einem Lokal: „Wir haben Hunger, Hunger, Hunger…“. Wenn es uns auf dem Fahrrad friert, singen wir in der Regel Hannos Lieblingslied „O wie ist es kalt geworden“, das weiß der aber nicht. Kurz vor Grenzübergängen pflegt Uwe „Ohne meinen Pass, da glaubt mir keiner was…“ anzustimmen, und auch ein paar Kinderlieder müssen herhalten wie „Hinter der Garage steht ein Autobus, heute wird er repariert, morgen fährt er wie geschmiert, hinter der Garage steht ein Autobus“. Auf dem „BT 3“ jedoch haben wir die gemütliche „Waldhütte“ so schnell erreicht, dass wir das Hungerlied gar nicht anstimmen müssen. In der „Waldhütte“ gibt es wirklich große Kaffeetassen für uns. Das Lokal macht seinem Namen Ehre, denn es liegt wirklich mitten im Limmersdorfer Forst, und wir plaudern mit unseren Tischnachbarn, die mit den Pferden unterwegs sind, über das Zubereiten einer Feuerzangenbowle. Dann müssen wir schnell weiter, denn Ende September sind die Tage schon kurz. Gefühlsmäßig geht es nun immer bergab. Über Seitenbach erreichen wir in Obersees den „Hochweg Fränkische Schweiz“( HFS). Das ist ein Radweg, der von Bayreuth nach Bamberg führt. Der Reiz der Fränkischen Schweiz besteht für uns nicht nur in der herrlichen Naturlandschaft, sondern auch in den kleinen Dörfern mit den schmucken Fachwerkhäusern. Wir schauen gern in die bäuerlichen Gärten hinein. Stets wirken sie Grundstücke gepflegt und sauber, die Häuser mit Blumenschmuck (nicht so übertrieben wie im Bayrischen Wald) und nicht zu großen Zäunen einladend und gemütlich, ohne aufdringlich zu wirken. So entdecke ich zum Beispiel herrliche rote Strahlendahlien in Plankenfels, Uwe freut sich beim Anblick einer gelungenen Trockenmauer. In Treppendorf gibt es einen Hochseilgarten, den wir uns ansehen. Nach Hollfeld verfahren wir uns leider, wir haben uns zu sehr auf die Ausschilderung des HFS verlassen und nicht auf die Karte geschaut. Dabei ist es auf dem Tandem praktisch: Uwe lenkt, und ich kann während der Fahrt in Ruhe die Landkarte studieren. Nun wird die Zeit bis zum Dunkelwerden knapp, und das angepeilte Ziel kann nicht mehr erreicht werden. So biegen wir in Dosendorf auf den „BT 4“ ab und radeln nach Aufseß. In der Nähe gibt es genug Felsen, unter denen man schlafen kann, wenn man wie wir einen Schlafsack mit hat. Die vorzügliche Brauereigaststätte ist ganz auf Wandergäste eingestellt, von denen viele hier übernachten. Man kann gut, reichlich und preiswert essen, in schöner Atmosphäre den Abend verbringen und  verschiedene Zeitungen lesen. Uwe liest unter anderem in „Readers Buchclub“ etwas über Schönheitsoperationen (Was interessiert ihn das?)  und ich einen Artikel über das Leben in der Wüste, der so interessant ist, dass ihn dann auch Uwe studiert. Auch seinen Artikel über die Schönheitsoperationen fand ich gut. So vergeht der Abend schnell. Ach so, das Essen war auch köstlich. Ich hatte einen halben Karpfen „blau“. Die Bedienung sagte beim Bezahlen, dass die Karpfen in einem Becken gehalten werden, und der Fisch erst nach einer Bestellung geschlachtet wird. Auf dem Fahrrad diskutiere ich nun mit Uwe darüber, was mit der anderen Hälfte des Karpfens geschieht, wenn nun jeder Gast Anspruch auf einen frisch geschlachteten Karpfen hat. Vorteil des Tandemfahrens ist es, dass man sich unterwegs gut miteinander unterhalten kann. Nun fragt man sich, was man sich nach 19 Jahren Ehe noch viel zu erzählen hat. Aber oft kommt man während der Woche gar nicht so viel zum Erzählen oder hat nach einem harten Arbeitstag gar nicht Lust dazu. Wir haben auf dem Tandem schon alles Mögliche ausdiskutiert: Welche Wolken welches Wetter bringen, wo wir im Winter die Dahlienknollen lagern, wie man das Druckerprogramm deinstalliert, die Vorteile und Nachteile von Straßenkreiseln (inzwischen finde ich sie auch ganz gut), die Faulheit unseres Sohnes den Abfalleimer zu leeren und so weiter. Nach kurzer Fahrt haben wir den Felsen gefunden, unter den wir die Nacht verbringen wollen. Im Schein der Stirnlampe und von 3 Kerzen lesen wir mal wieder Glasscherben auf, breiten dann unsere Plane und aufblasbare Matten aus und sind schnell im warmen Daunenschlafsack verschwunden. 20 Sekunden später schnarcht Uwe schon. Ich betrachte noch den gutes Wetter verheißenden Sternenhimmel. 3 Kerzen, die ich in Felsnischen gestellt habe, beleuchten furchtbar romantisch die Felswand. Unten rauscht der Bach, den hört man wohl nur bei solcher Stille im Dunkeln. Ich bin sicher, dass wir hier viel besser schlafen als die Urlauber in den Pensionen und Hotels.

Am Morgen ist es recht kühl, ich schätze 5°C. So leiste ich mir, im Schlafsack liegen zu bleiben und zu warten, bis mir die Sonne ins Gesicht scheint. Auf der Kiefer direkt über uns klopft munter in 2 m Entfernung ein bauchgelber Kleiber, und Späne fallen uns auf den Schlafsack. Auch ein paar bunte Blätter lässt der Wind auf uns herabtrudeln. Ich habe gar keine Lust aufzustehen, denn es steht kein Kaffee in Aussicht. Wir haben zwar genug Wasser, Kaffee, Kaffeesahne, Gaskocher mit voller Kartusche, Streichhölzer und Plastiktassen mit, trotzdem haben wir ein Teil (Welches wohl?) vergessen. Im Sonnenschein würgen wir dann unseren Kuchen mit Wasser hinunter und fahren los. Uwe friert vorn auf dem Rad noch etwas, doch ich sitze hinten auf dem Tandem gemütlich im Windschatten und genieße die Fahrt der Aufseß abwärts. Ich lese während der Fahrt auf einem Wanderwegweiser, dass in der Nähe die Höhle „Fuchsloch“ ist. Ich habe hinten auf dem Tandem immer Gelegenheit, die Gegend nach Herzenslust zu betrachten. Auf diese Weise haben wir sogar schon Pilze gesammelt. Wir fahren zum „Fuchsloch“ und sind beeindruckt. Schon der Eingang zur Höhle ist ein nach zwei Seiten offener 20 m langer domartiger Tunnel in einem großen Felsen. Ab Mitte September soll man die Höhle bis zum Frühjahr nicht betreten, da haben wir einen Grund zum Wiederkommen. Über Wüstenstein radeln wir nach Siegritzberg, wo uns der Kaffeedurst in ein Lokal treibt. In der Kneipe sitzen 19 Männer an 3 Tischen beim Frühschoppen. Fünf Männer spielen Schafskopf, die anderen unterhalten sich über die Tische hinweg. Die erregte Unterhaltung dreht sich um einen „Staa“ = Stein. Die Männer sprechen ein solches fränkisches Fränkisch, dass wir beim besten Willen nichts verstehen und uns als sächsische Urlauber geben. Aus der Brotzeitkarte (was anderes gibt’s auch nicht) bestellt sich Uwe „Knacker“ und ich einen Schinkenteller. Uwes Knacker sind zwei warme Würste, und auf meinem Teller liegen 12 große und dicke Scheiben Schinken. Für das gleiche Geld hätte ich beim Metzger weit weniger Schinken bekommen. Uwe ist auch so satt, dass er mir mit meinem doch so köstlichen Schinken nicht mehr helfen kann. Wir lassen uns vom Wirt Brot und Alufolie bringen und machen uns ein paar „Bemmen“ zum Mitnehmen. Die Fränkische Schweiz ist ja direkt bekannt für ihre Brotzeiten. Vor einem Jahr waren wir auch einmal vormittags in der Fränkischen Schweiz eingekehrt, weil wir einen kaputten Fahrradmantel hatten. (Pannen hat man am Tandem weniger als mit den Einzelrädern, weil ja an zwei Rädern weniger „Platten“ auftreten als an vier.) In dieser Kneipe fragte uns der Wirt: „Wollen Sie als Brotzeit eine Brotzeit?“, diese Frage konnten wir nur bejahen. Da bekamen wir dann einen riesigen Teller Wurstaufschnitt und Presssack (= gelierte Blutwurst), welcher als Wochenration für unsere ganze Familie gereicht hätte, mit 10 g Butter und 2 Scheiben Brot.

Bei herrlichem Sonnenschein radeln wir weiter nach Hollfeld. Am Beginn des Radweges „Ziegenfelder Tal“, als wir gerade einen gefundenen Apfel F:\Fotos\2005\2005_karl Wirth\klein.jpgessen, treffen wir Bekannte aus unserem Nachbardorf mit vollem Rennfahreroutfit. Ich denke gerade: „Die werden mit einem großen Vorsprung vor uns daheim ankommen.“, da verkündet Uwe, dass wir jetzt losfahren. Und – zack – sitzen wir auf dem Tandem und rasen das Tal hinab. Mit den vielen weißen Felsen und Wachholderwiesenhängen und den romantischen Mühlen ist das Ziegenfelder Tal traumhaft schön. Heute durchradeln wir es im Affenzahn. Mit dem Tandem ist man sowieso schneller als mit Einzelrädern, wir fahren im Durchschnitt 5 Kilometer mehr in der Stunde. Schnell erreichen wir so Weismain. Vor den schönen Fachwerkhäusern am Marktplatz trinken wir Kaffee und lassen uns die Torte schmecken. Dann kommen erst unsere „Verfolger“. Sie hätten einen Umweg gemacht, sagen sie.

Auf dem Mainradweg sind an diesem herrlichen Sonntagnachmittag sehr viele Leute unterwegs, wir sind bis Wirsberg nur am Überholen. Nun müssen wir aber noch 4 km den Berg hinauf. Ich bin schon etwas müde und geschafft, doch Uwe tritt fest in die Pedalen. Leistungsdifferenzen werden beim Tandemfahren gut ausgeglichen, keiner ist unter- oder überfordert. Und  so kommen wir schließlich nach 177 Kilometern wieder gut zu hause an.

 

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