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Radlurlaub August 2007 auf der Krim

Wir haben die Idee, eine Radtour auf der Halbinsel Krim zu unternehmen.

Die Krim verspricht herrliche Landschaftserlebnisse, Abenteuer und Kultur. Eine exakte Urlaubsvorbereitung ist uns aber nicht möglich, da wir weder eine genaue Landkarte kaufen können, noch finden wir passende Literatur oder Erfahrungsberichte im Internet. Auch eine Zugfahrt / Fährverbindung mit Fahrradtransport zur Insel Krim scheint nicht möglich. Also wollen wir uns mal auf gut Glück auf die Fahrt begeben und sehen, was daraus wird. So beschränken sich die Urlaubsvorbereitungen darauf, dass wir am Vortag das Tandem bepacken. Wir specken das Gepäck spontan um 12 kg gegenüber den Vorjahren ab, außerdem haben wir seit dem letzten Sommer zusammen 23 Kilo abgenommen.

Erster Urlaubstag (72 km)

Am Vormittag arbeite ich noch, Uwe fährt mit dem Tandem nach Cheb (tschechischer Grenzort), und ich komme mit dem Auto nach. 18.12 Uhr fährt der Zug nach Prag ab. Das Tandem steht gut untergebracht im Gepäckwagen, auch das Lösen der Fahrkarte per Scheckkarte war gar kein Problem. Das Umsteigen in Prag (15 Minuten Aufenthalt) klappt reibungslos.

Zweiter Urlaubstag (44 km)

Der Zug fährt überraschenderweise (als einziger Zug am Tag) gleich nach Michalovce durch. Von dort sind es nur noch 40 km bis zum ukrainischen Grenzübergang, den wir 12.30 Uhr erreichen. Diesen Grenzübergang bei Uschgorod haben wir in den Vorjahren problemlos passiert, sodass wir nicht mit Schwierigkeiten rechnen. Die gibt es jedoch: Seit diesem Jahr darf man nur noch mit „Maschin“ über den Übergang. Der andere der beiden Übergänge von der Slowakei in die Ukraine ist ein Fußgängerübergang, dort hat man uns vor zwei Jahren abgewiesen, weil hier nur Slowaken und Ukrainer rüber dürfen. Da wir uns nun nicht erst ein Auto kaufen oder eine andere Staatsbürgerschaft annehmen wollen, suchen wir nach einer Mitfahrgelegenheit. Ein netter ukrainischer LKW – Fahrer, der schon ganz vorn an der Autoschlange steht, erbarmt sich schließlich unser. Das Tandem kommt in den leeren Auflieger. Da nur 5 Autos vor uns sind, können wir „schon“ nach 180 Minuten warten, Papiere kontrollieren und mehrfaches Trinkgeldgeben an die Grenzbeamten passieren. Wenig später erreichen wir radelnd Uschgorod. Dort kaufen wir uns problemlos Zugtickets für den Moskauer Zug nach Liviv um 1:52 Uhr. Den warmen Sommerabend verleben wir mit Abendbrotessen in einem Biergarten am Ufer der Usch mitten in der Altstadt, und dann findet auch ein Oper-Air-Konzert statt. Es ist eine politische Veranstaltung, die für „Free Zone“ wirbt, für ein einheitliches Land innerhalb der alten Sowjetunion.

3. Urlaubstag (5 km)

Wir haben das „Kupè (= Schlafwagenabteil) für uns und schlafen die siebeneinhalb Stunden bis Lviv (=Lemberg) durch. Ohne Probleme bekommen wir Fahrkarten nach Simferopol (= Stadt auf der Halbinsel Krim) für den Zug um 13.50 Uhr. So haben wir drei Stunden Zeit, um eine Stadtrundfahrt mit dem Rad zu unternehmen. Wie uns ein im Straßencafé auf dem Marienplatz von Deutschen geborgter Reiseführer beweist, haben wir keine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten verpasst: Der schöne Boulevard von der Oper zum Markt (dort 3 Schachbretter im Einsatz), den Fußbodenheizungseinbau in der Kirche (Boden wird halt einfach höher), einen Gottesdienst bei dem fast alle Leute Blumensträuße aus Trockenblumen mitbrachten, die Stadtmauer, viele streunende Hunde, hübsche Altstadtbauten neben Plattenbausiedlungen, modern gekleidete Frauen auf Stöckelschuhen durch Schlaglochpisten… Dann kommt der leere Zug in den Bahnhof eingefahren, und die ca. 900 Menschen mit den großen Gepäcktaschen wuseln ihren Waggon suchend den Bahnsteig durcheinander. Die jeweiligen Waggonschaffner kontrollieren auf dem Bahnsteig akribisch Tickets und Pässe, langsam leert sich der Bahnsteig. Nur wir stehen mit unserem Tandem noch da. Man hat uns gleich abgewiesen. Wir sehen zwar auch, dass wenig Platz für unser Tandem ist, aber mit etwas gutem Willen müsste es doch gehen. Der Waggonschaffner hat ein verschlagenes Gesicht, welches ein blaues Auge ziert, außerdem ist er ganz schön angetrunken. Er will uns keinesfalls mit dem Tandem mitnehmen. Noch 5 Minuten bis zur Abfahrt. Uwe rennt zum Zugführer, bringt einen Zettel, dass wir einsteigen dürfen. Aber der Waggonschaffner lässt uns trotzdem nicht einsteigen. Uwe rennt wieder 10 Waggons entlang zum Zugführer. Der schickt jetzt einen Boten, dass wir einsteigen sollen. Der Mann mit der Kelle wartet bereits auf dem Bahnsteig, wir stehen noch immer einsam draußen. Endlich lässt man uns einsteigen, und werfen eilig unser Gepäck hoch, hebeln das Rad rein, und schon fährt der Zug an. Gerade will sich bei uns Erleichterung breitmachen, aber die Sache ist noch nicht überstanden. Der Waggonchef will, dass wir beim nächsten Halt aussteigen. Er kann das Rad im Eingangsbereich nicht dulden. Mit Teile abschrauben und roher Gewalt hebelt Uwe das Tandem in d en Schlafwagenbereich. Dieser Schlafwagen hat nicht etwa Abteile, nein, hier schlafen alle Passagiere in verwinkelt aufgestellten Doppelstockbetten, und es ist wirklich sehr eng. Nun will der Waggonchef unbedingt, dass wir das Tandem oben auf zwei Hochbetten wuchten. Uwe versucht zu erklären, dass das Tandem da kaputt geht, doch der Chef wird immer aggressiver. Er schreit, schüttelt die Fäuste, ich heule und bettle, Uwe beschützt unser Rad mit seinem Körper. Andere Passagiere ergreifen Partei für uns, reden erhitzt russisch auf den Waggonschaffner ein. Doch der will sich prügeln, schubst Uwe vor die Brust. Uwe steckt demonstrativ die Hände in die Hosentaschen. Das geht so 30 Minuten. Dann gehe ich 15 Waggons durch bis zum Zugführer, um Hilfe zu holen. Als ich (allein) zurückkomme, hat sich der Prügelknabe etwas beruhigt. Ich gebe ihm die „Bagaschpapiere“ vom Zugführer, aber er will sich noch nicht zufriedengeben. Er will Schnaps, wie er Uwe durch Schnippen an die Kehle begreiflich macht. Mit 20 € Trinkgeld gibt er endlich Ruhe (50 € hat uns eine mitreisende Familie empfohlen), wir dürfen das Rad vor unserm (getauschten) Bett stehen lassen. Das Tandem ist allerdings so lang, dass es noch halb vor den angrenzenden Betten steht. Den Waggon teilen wir nun mit 54 Touristen, einem Tandem, einer Praktikantin (die alle anfallenden Arbeiten alleine erledigen darf) und einem versoffenen Chef, der aber im nächsten Bahnhof 20 € für Alkohol ausgeben und sich schlafen legen wird. Es herrschen 26°C, die Luft ist mehr als schlecht. Die Fenster gehen nicht auf. Die Leute lassen sich nicht stören und packen ihre gebratenen Hähnchen aus, schälen Gurken und machen Kreuzworträtsel. Im Restaurantwagen ist eine Klimaanlage, dort bleiben wir über Stunden und lesen Bücher. Andere Gäste kommen fast nicht, wenige können sich die gekühlten Getränke für einen Euro leisten. Aber dann macht Uwe einen Fehler: Der Restaurantchef, der bisher nur trinkend dagesessen hatte, geht kurz nach Uwe auf Toilette. Uwe steht schon eine Weile am Klo an, und als der Restaurantchef kommt, lässt er den nicht vor. Wie gemein! Später kommt der Chef zweimal an unseren Tisch und fordert uns zum Gehen auf. Zwei andere junge Frauen werden nicht bedient, denn die eine hat doch tatsächlich ihren Handystecker in „seine“ Steckdose gesteckt! Uwe meint, Waggonchef zu sein, heißt hier Gott zu sein. Und Gott arbeitet schließlich auch nicht wie unsere beiden „Freunde“. Zurück in unserem Schlafwagen singt eine junge polnische Wandergruppe hübsche Weisen, es herrscht Urlaubsstimmung. Der Schlafwagenschaffner schläft bereits seinen Rausch aus. 22 Uhr kehrt Schlafruhe ein.

Vierter Urlaubstag (55 km)

Wir haben fast 12 Stunden durchgeschlafen. Es ist heiß, sodass wir ein paar Stunden in den Restaurantwagen flüchten. 15.30 Uhr erreichen wir Simferopol auf der Halbinsel Krim. In nur 3 Tagen haben wir 2700 km zurückgelegt, sind dabei noch über 100 km geradelt, haben eine schöne historische Stadt besichtigt, ein Konzert besucht und vor allem eine unvergessliche Zugfahrt in einem ukrainischen Schlafwagenwaggon erlebt. Was will man mehr? In Simferopol kaufen wir uns eine Landkarte, gehen essen und ziehen unsere Radelkleidung an. Die Anziehsachen von der Zugfahrt schmeißen wir in einen Papierkorb, die waren schon zu Hause für den Altkleidercontainer bestimmt gewesen. Simferopol ist wenig sehenswert. Vierspurig mit viel Verkehr fahren wir aus der Stadt. Links und rechts von uns breiten sich verdorrte Wiesen auf breiten Hügeln aus. Große Flächen sind verbrannt, wohl erst kürzlich. Wir sind von der Landschaft enttäuscht, wir hatten uns die Krim schöner vorgestellt, aber diese Worte bleiben unausgesprochen. In Suja biegen wir von der Trasse ins Dorf ab. In einem sauberen Bierzelt trinken wir etwas und werden vom Wirt sogar eingeladen. Aufgemuntert radeln wir weiter. Die Sonne geht hinter unserem Rücken unter und gibt der eintönigen Graslandschaft einen hellen Schein. Einzige Abwechslung: Entlang der Straße befindet sich auf der rechten Seite eine kilometerlange Reihe von Johannisbrotbäumen. Schon 21 Uhr dunkelt es. Zur rechten Zeit erreichen wir den Stausee bei Belogorsk und bauen rasch unser Zelt neben vier ukrainischen Radfahrern am Ufer auf. Im Finstern nehmen wir noch nackig ein Bad im 26°C warmen Wasser.

Fünfter Urlaubstag (108 km)

Bei Sonnenaufgang erblicken wir in der Ferne die Berge der Krim und in der Nähe den vielen Müll auf dem ganzen Uferabschnitt. Wir frühstücken, gehen baden und starten 8 Uhr. Wir radeln nun durch Wälder, flache An- und Abstiege wechseln sich ab. Olivenbäume, Platanen und Disteln verbreiten ein südliches Flair. Ein paar Wolken sorgen dafür, dass die Temperaturen erträglich bleiben. Gegen 14 Uhr erreichen wir Feodosija, eine mittelgroße Stadt am Schwarzen Meer. Die Menschenmassen weisen den Weg zum Strand. Direkt 100 m parallel zum Ufer verläuft die viel befahrene Zugstrecke. Auf den 100 m bis zum Wasser liegen dicht gedrängt die Badegäste, sodass man sich um die Badehandtücher herum zum Wasser schlängeln muss. Gleich neben dem Badestrand ist der Hafen, und wir beobachten, wie die Schiffe beladen werden. Wir baden und sitzen im Strandcafé, da für unser Handtuch kein Platz mehr ist. Für die Weiterfahrt wollen wir eine lt. Karte unbefestigte Straße nehmen. Wir „finden“ auf der Suche nach dieser Straße zwei Burganlagen und „landen“ auf einer Halbinsel. Dort genießen wir erstmals die felsige, wüstenartige Landschaft der Krim. Auch Touristen sind hier glücklicherweise nicht anzutreffen. In der Abendsonne strampeln wir 5 km einen Berg hinauf. Auf vielen Berggipfeln sind militärische Einrichtungen zu sehen, die uns ein ungutes, überwachtes Gefühl geben. In rasant schneller Abfahrt erreichen wir wieder das Meer und zelten am Strand von Ordschonikidse und einem „wilden“ Zeltplatz. Uwe errichtet in der Dämmerung das Zelt. Aber ich gehe wegen der plötzlich in Massen auftauchenden Mücken schnell baden. Am schönen Kiesstrand trinken wir dann noch ein Bier, dass hier in Einliterflaschen verkauft wird.

Sechster Urlaubstag (60 km)

Wir baden bei Sonnenaufgang im Meer und frühstücken direkt am Strand. Wenig später radeln wir auf einer kleinen Straße den ersten Berg hinauf und schwitzen schon mächtig. Flecken mit blühenden lila Strelitzien und Olivenbäume zusammen mit trockenem Gras bilden die besondere Vegetation der felsigen Berge. In Koktebel ist der Strand so schmal, verbaut und die Touristen so zahlreich, dass wir kaum einen Platz am Kiesstrand finden. Handtuch liegt an Handtuch. Es kommen aber immer mehr Leute. Uwe meint: „Es sind ja noch Steine vom Strand zu sehen“. Wir gehen rasch baden und radeln dann weiter. Nach einem saftigen Anstieg und rasanter Abfahrt erreichen wir den schönen Kurort namens Kurortne, der malerisch von Felsen und Meer umrahmt und von nur wenigen Touristen heimgesucht ist. Hier halten wir vier Stunden Mittagspause unter schattigen Kiefern. Uwe kauft eine Flasche guten roten Krimwein. Nach deren Einverleibung müssen wir uns Kaffee kochen, um wieder auf die Beine, bzw. auf das Tandem zu kommen. Wir kämpfen uns schwitzend auf Serpentinen 600 Höhenmeter hinauf. Weit unten liegt das kühle Meer, rings um uns ein Felsengebirge mit vielen Gipfeln. Wunderschön ist die Landschaft hier! Schnell rasen wir wieder ins Tal, denn zu viel bremsen machen die Felgen heiß, und die Reifen könnten platzen. Die Berge sind hier bewaldet, unter anderem mit Lebensbäumen so groß wie Pappeln. Auf dem kostenlosen Autocampingplatz bei Korbon bauen wir bei Sonnenuntergang das Zelt auf und gehen noch baden.

Siebter Urlaubstag (76 km)

5.30 Uhr stehen wir auf, frühstücken und baden. Und 7.30 Uhr schlendern wir bereits auf der Strandpromenade der malerisch zwischen felsigen Bergen gelegenen Urlauberstadt Sudak. Es sind bereits viele Leute am Strand, der schon jetzt aus allen Nähten platzt. Eine romantische Burg dominiert die Stadt im Westen. Wir radeln die viel befahrene Straße hinaus aus der Stadt, dann wird es wieder ruhig. In herrlicher Landschaft fahren wir bergan, bevor wir in Morskoe wieder das Meer erreichen. Am Campingplatz halten wir eine mehrstündige Badepause. Uwe schläft im Café auf dem Sofa, auch der Borscht schmeckt dort gut. Dann heißt es weitere dreimal dreihundert Höhenmeter zu überwinden, bevor wir Ribasche erreichen. Gewittrige Regenschauer erfreuen uns bei der Hitze. Ich wate durch 40 °C warmes von der Straße aufgeheiztes Regenwasser, während Uwe schiebt. Dann sehen wir eine Gewitterfront direkt vor uns und fahren voll hinein. Unterstellen geht nicht, also fahren wir unter zuckenden Blitzen weiter. Bald ist das Gewitter wieder vorbei, und nur ein großer Regenbogen am Himmel zeugt noch vom Regen. Im Strandstädtchen Ribasche dominiert die neue Kirche, die als Zierde Anker und Schiffe trägt und im Innern mit bunten Meeresmotiven ausgemalt ist. Wir zelten in der Nähe auf einem Plateau. Bei Sonnenuntergang sitzen wir mit Rotwein und warmen Fladenbroten in der Hand und schauen aufs Meer. Wir beobachten zwei Delfine, wie sie auf ihrem weiten Weg durchs Wasser pflügen.

Achter Urlaubstag (68 km)

Nach einem Bad im Meer bereitet uns schon der erste Berg (Kreislauf-) Probleme, denn es ist sehr heiß. Landschaftlich ist es sehr schön, in der Ferne grüßen hohe Berge. In Aluschta gehen wir an den gebührenpflichtigen Strand. Kaum haben wir an der Dusche unsere Shirts und Radlerhosen gewaschen, kommt ein Gewitter auf. Am Strand ist da kein Aushalten mehr, also radeln wir in unseren feuchten Klamotten Richtung Gebirge. Da schwitzen wir wenigsten nicht so beim Anstieg! Bald sind wir auf einer einsamen, landschaftlich wunderschönen Gebirgsstraße. In Isowinoe, dem letzten Dorf vor den 1000 Höhenmetern Anstieg, kaufe ich mit Rucksack Essvorräte ein. Hier ist alles viel billiger als in den Ortschaften am Meer. Uwe, der beim Tandem geblieben ist, hat sich inzwischen mit einem Krimkosaken unterhalten. Vor uns rücken nun die hohen Berggipfel näher. Wir quälen uns in einem schönen Tal aufwärts und freuen uns auf diesen schwersten und schönsten Teil der Tour. Da kommt ein Jeep mit Soldaten und versperrt uns die Straße. Wir sollen umkehren. Das ganze Gebiet (55 km Straße) sei gesperrt. Erst nach hartnäckigen Nachfragen wird der Chef etwas freundlicher. Früher war er ja in der Roten Armee und hat auch in der DDR gedient. So nimmt er uns als ehemalige Waffenbrüder beiseite und verrät, dass der Präsident irgendwo da oben im Urlaub sei, und da ist halt das Gebirge eine Woche gesperrt. Wir müssen tatsächlich zurückfahren. Wir sind deprimiert und denken an die fünf jungen Polen aus dem Zug, die in diesem Gebirge Wanderurlaub machen wollten. Wo werden die jetzt sein? Mit 35 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit sind wir rasch wieder am Meer. Dann hetzen wir schwitzend auf der stark befahrenen Straße bei Gestank und Lärm Richtung Jalta hinauf. Wir nehmen einen Umweg über eine kleine Waldstraße (vermutlich die alte Straße). Jugendliche rennen mit uns um die Wette (Serpentinen) den Berg hinauf. Sie sind eine Zeit lang schneller, aber wir haben den längeren Atem. Im verbauten Küstenort Partenit suchen wir vergeblich eine Zeltmöglichkeit, zweimal fahren mir in der beginnenden Dämmerung den Berg hinauf und hinunter, aber die Suche ist aussichtslos. Ich komme mir wie ein Obdachloser vor. Wir legen uns dann an einem etwas abgelegenen Strand (wahrscheinlich ehemaliger Militärhafen) unter eine Treppe, nachdem ein Liebespaar dort endlich den Platz geräumt hat. Nach einem Bad im Dunkeln liegen wir unter dem Sternenhimmel in unseren Schlafsäcken und schlafen beim sanften Wellenplätschern ein. 3.30 Uhr tauchen zwei völlig betrunkene junge Männer aus der stockdunklen Nacht auf. Der Erste taumelt gefährlich die geländerlose steile Treppe hinunter und rennt übergangslos ins Wasser. Der Zweite folgt ihm ins Meer, zieht aber vorher seine Schuhe aus. Dann kommen die Männer zu uns und wollen irgendetwas. Uwe blendet sie mit seiner Stirnlampe und kann sie bewegen, zurückzutreten. Der eine Russe geht wieder ins Wasser, nachdem er den Anderen die Treppe nach oben gewiesen hat. Plötzlich ist es im Wasser totenstill, nichts ist mehr von dem Russen zu hören oder zu sehen. Sollte er ertrunken sein? Wir lauschen angestrengt. Der andere Betrunkene beugt sich oberhalb von uns überweit über die geländerlose Treppe hinaus und schreit verzweifelt: „Wladimirrr!“ Mir stockt der Atem. „Gleich“, denke ich, „fällt der neben uns auf die Steine. Ein Mann ertrunken und ein Mann mit Schädelbruch neben unserem Schlaflager. Wie sollen wir das der Polizei erklären?“ Zum Glück taucht da Wladimir wieder auf, und der andere zieht den Kopf wieder ein. Wladimir sucht seine Schuhe und erklimmt stark schwankend erfolgreich die Treppe. Es ist wie ein groteskes Schattentheater. Nach diesem Erlebnis schlafen wir erstaunlicherweise wieder schnell ein.

Neunter Urlaubstag (21 km)

Bereits 6 Uhr treffen die ersten Badegäste am Strand ein. Die Sonne geht wie ein leuchtender Ballon über dem Meer auf, als wir unser Morgenbad nehmen. Es scheint ein heißer Tag zu werden. Wir entschließen uns, am Strand zu bleiben und verbringen die Zeit bis zum Nachmittag mit Baden, Lesen, Kochen und Essen. 16 Uhr radeln wir los. 5 km weiter sind wir so schweißgebadet, dass wir schon wieder eine Rast einlegen müssen. Wir fahren romantisch auf einer kleinen Waldstraße um einen großen Felsenberg herum. Da wir nicht durch das bewachte (ehemalige Pionierlager und jetzige) Internationale Kinder- und Jugendlager „ARTEK“ fahren dürfen, müssen wir auf die Hauptstraße zurück. In Nikita verlassen wir die Trasse wieder und fahren zum Botanischen Garten. Wir zahlen 10 Griwna Eintritt. Der Garten ist einer der ältesten in Europa, er ist sehr groß, gepflegt und sehenswert, besonders der alte Baumbestand. An einem privaten Strand von Nikita finden wir eine kleine Ecke zum Zelten, müssen dafür aber 40 Griwna bezahlen. Im Dunkeln bauen wir unser Zelt neben netten deutsch sprechenden Kiewern auf und trinken noch ein Bier auf dem Bootssteg unterm Sternenhimmel.

Zehnter Urlaubstag (28 km)

Wir radeln nach Jalta. Jalta liegt malerisch dicht vor der Bergkette „Jaltare Jala“ (1215 m – 1400 m) mitten im Grünen. Strand, Hafen und Fußgängerzone gehen fließend ineinander über. Wir bummeln. Uwe spielt ein paar Stunden mit einem alten Mann auf einer schattigen Parkbank Schach, und ich gehe vor der sagenhaften Kulisse Jaltas baden. Den Weg aus der Stadt habe ich mir auf einem Stadtplan angesehen, wir verfahren uns trotzdem. Natürlich geht es immer bergauf, von 0 m wollen wir auf 1200 m. Der Taxifahrer, den wir nach dem Weg fragen, will es kaum fassen, dass wir da mit dem Tandem hoch wollen. Wir werden unterwegs immer wieder aus den Autos fotografiert. Man feuert uns auch an und streckt den Daumen in die Höhe. In der Mitte des Gebirgsstockes schwebt eine Wolke. Uwe zeigt hin und sagt zu mir: „Ich bringe dich jetzt in die Dampfsauna!“ An einem Wasserfall rasten wir. Den Fall dürfen wir gegen ein Eintrittsgeld besichtigen, das Wasser ist aber nicht mehr da – in großen Rohren abgeleitet. Nur auf Fotos ist es noch zu sehen. Derartig betrogen radeln wir weiter bergauf. Ein Mann überholt uns auf seinem alten Fahrrad. Er entblößt lächelnd seine Zahnlücke und winkt uns freundlich zu. In der Dämmerung bauen wir 19.45 Uhr unser Zelt auf. Der Sternenhimmel ist unter dem dichten Blattwerk der Eichen kaum zu sehen. Nachts schleicht wiederholt ein großes Tier ums Zelt, man hört, wie es immer wieder Steine lostritt. Es ist gruslig, ich träume davon.

Elfter Urlaubstag (41 km)

Nach kurzer Berganfahrt frühstücken wir im Aussichtspavillon (870 m). Hell scheint die aufgehende Sonne aufs Meer. Jalta liegt in Flugzeugperspektive zu unseren Füßen. Wir hören wieder das Tier im abgebrannten Wald unter uns, können es aber nicht entdecken. 30 Minuten später erreichen wir das Plateau des Gebirges (ca. 1200 m). Da stehen ein paar provisorische Häuser, wo man essen und trinken kann. Wir hocken bald bei Kaffee und Plow (Reis mit Gemüse) auf den Sofas und sehen zu, wie ein kleiner Bär gequält wird. Später unterhalten wir uns mit zwei russischen Radfahrern. Sie fragen uns zuerst, wie lange wir für den Aufstieg gebraucht haben. Ich antworte, 4 Stunden, obwohl es eigentlich viereinhalb Stunden waren und mit Pausen sogar 6 Stunden. Ich frage höflich nach ihrer Zeit, denn die wollen sie uns natürlich sagen: 1:54 h! Wir lassen uns nicht stressen, erklimmen zwei kleine Aussichtspunkte und kehren noch mal ein. Hier hat man auf einem felsigen Aussichtspunkt Tische aufgestellt und kocht in einer Feldküche überm Feuer in großen Trögen köstlich duftende Suppe aus frischem Gemüse und bunten Reis. Auf der Straße kommt immer mehr Verkehr auf. Ein Kleinbus nach dem anderen fährt vorbei. Wo wollen die nur alle hin? Zum Berg Ai Petri (1234 m) bewegt sich die Touristenkarawane! Auf diesem Gipfel kommen sie alle zusammen, die Touris, der übrige Teil des Gebirges ist dagegen fast menschenleer. Es drängt sich die Frage auf, ob es wohl aus Naturschutzgründen sogar gut ist, einen Gipfel zu „opfern“ und dafür den Rest des Gebirges touristenfrei zu halten. Wollen wir auch auf den Ai Petri? Ja, wir müssen uns das auch mal ansehen. Auf dem Berg herrscht Volksfeststimmung (ca. 2000 Menschen). Essen schmort in 50 Kesseln, massenhaft Schaschliks liegen zur Auswahl da, auch vegetarische Spieße. Kamel- und Pferdetreiber, Andenkenverkäufer, Fotografen mit Reh und Bär, Motorrad- und Kardverleiher und Exotenaussteller buhlen um Kundschaft. Man kann sich auch für Geld in Hitleruniform vor Wehrmachtsautos fotografieren lassen, oder als Prinzessin verkleidet. Der Gipfel ist Nebensache. Nach Berappen von 10 Griwna erreicht man ihn auf einem ausgeschriebenen Weg nach 450 m. Das schaffen die Ukrainer auch in Badelatschen. Von oben hat man einen schönen Ausblick aufs Meer. Zwei Adler schweben majestätisch über unsere Köpfe hinweg. Der Tourismusrummel auf Ai Petri ist uns zu viel, wir picknicken einsam im Wald und machen ein Mittags¬schläfchen. Wir durchqueren das Gebirge und fahren auf der Nordseite ins Tal hinab. Bei einem Wasserfall finden wir ein nettes Lokal. Über dem Fluss hat man dort „Sofas“ gebaut. Da lassen wir uns das Abendbrot und den guten Krimwein aus dem Fass schmecken. Auf dem öffentlichen, kostenlosen Platz „Kokkoska“ zelten wir am Fluss und baden nackt im eisigen Wasser, wo sich im Kiesbett natürliche „Badewannen“ befinden.

und weiter

Zwölfter Urlaubstag (82 km)

Nach einem Morgenbad im Fluss folgt eine schöne Abfahrt. Im billigen Dorfkonsum verkauft uns eine nette Frau geräucherte Lachsstreifen, sie lacht mit einem Mund voller Gold- und Silberzähnen.
Nach Nutilobke endet der Asphalt, und Uwe schiebt bei Hitze das Tandem durch dichte Buchenwälder zum Pass Beschki (700 m) hinauf. Ein Highlight gibt es, als eine Mineralwasserflasche vorm Gepäckträger fällt und dabei ein kleines Löchlein bekommt. Aus dem Loch spritzt nun das Wasser und wir sprühen uns bei der großen Hitze gegenseitig damit ab. Nach Erreichen des Passes nimmt die Anstrengung kein Ende, denn der steinige staubige Belag zwingt uns, das Rad auch wieder abwärts zu schieben. Wenn mal ein Auto vorbeikommt, so hüllt es uns immer in eine Staubwolke. Wie freuen wir uns, als wir kurz vor Peredowe einen kleinen hübschen Stausee finden. Er ist zwar eingezäunt, doch man lässt uns hinein. Wir baden und halten Mittagsschlaf. 
16 Uhr fahren wir weiter und geben auf der Schnellstraße Richtung Sewastopol Gas. Sogar meine selbst geernteten Weinbeeren muss ich radelnd verzehren. Sewastopol gefällt uns nicht, es ist groß und hässlich. Im Hafen in der Dämmerung suchen wir vergebens ein Speiselokal. Wir essen Hot Dogs. Ich beginne mich zu fragen, wo wir die Nacht verbringen. Da kommt eine Fähre. Uwe meint, die könne uns über die Meeresenge und damit schnell aus der Stadt bringen. Kurz entschlossen steigen wir ein und legen zwei Sekunden später ab. Mit Wellengang schaukeln wir übers Meer. Im Stockdunkeln steigen wir aus und kaufen in einem Laden noch Lebensmittel ein. Ein Taxifahrer weist uns den Weg. Wir fragen einen Ukrainer nach einer Campingmöglichkeit. Er antwortet: „You can camp anyware.“ Wir wollen aber nicht anyware, sondern am Strand, finden aber nur zu belebte Stellen und zelten dann auf einem Hügel neben der Burg von Ljubimowka.

Dreizehnter Urlaubstag (76 km)

Nach 1,3 km erreichen wir einen schönen breiten Sandstrand und frühstücken da. Ein Morgenbad darf nicht fehlen. 
Über Poljuschke und Wilino radeln wir zum Urlauberort Beregowe. Wir rasten am Privatstrand eines Hotels. Viktor, der Rettungsschwimmer, bewacht unser Tandem, baut uns ein Schattendach und versorgt uns mit Süßigkeiten. Vor 20 Jahren war er als Soldat in der DDR stationiert.
Uwe spielt mit einem älteren Ukrainer Schach und führt lange Gespräche. Wusste gar nicht, dass Uwe so gut russisch kann. Der Mann hat eine gute Bergbaurente, umgerechnet 250 €.
Nach herzlicher Verabschiedung von Viktor fahren wir weiter, wollen eine Abkürzung nehmen und verfahren uns. Dafür finden wir in Frunze einen super Zeltplatz auf einer Anhöhe.

Vierzehnter Urlaubstag (61 km)

Der Zeltplatz ist super, bis der Wind sich dreht und vom Klo her weht. Deshalb frühstücken wir auch am Strand. Wir baden bei aufgehender Sonne. Die Fahrt auf der Hauptstraße nach Saki zieht sich in die Länge. Es ist höllisch heiß. Kurz vor Saki am Aquapark ist ein breiter Strand. Uwe baut ein kleines Schattenzelt am Zaun neben dem Zuckerbäckerverkäufer. Ich gehe viel baden, und Uwe spielt gegen verschiedene Männer vor dem Kiosk Schach. 
18 Uhr radeln wir weiter, es ist noch immer sehr warm, und wir erreichen bald die sehenswerte nette Hafenstadt Ewnapohl. Am Hafen herrscht Leben: Livemusik, ein Jetskirennen, Cafés, Verkaufsbuden. Wir essen Bortsch und genießen die Stadt. Uwe versucht sich auf einem Fahrrad, das verkehrt herum lenkt. Er schafft aber nicht die 5 Meter und verliert seinen Einsatz.
Bei anbrechender Dämmerung fahren wir aus der Stadt und zelten an einem Teich an einem Dorfrand. Es laufen noch viele Leute vorbei, aber keiner kommt näher, man ist weder aufdringlich noch neugierig.

15. Urlaubstag (86 km)

Bei Sonnenaufgang brechen wir auf, um die Morgenkühle auszunutzen. 8.30 Uhr haben wir schon 40 km zurückgelegt. Wir fahren durch die Steppe, Steppe, Steppe. Es weht ein unglaublich trockener heißer Wind, den ich nie vergessen werde. Die Straße führt schnurgerade durch das ebene Grasland. Aller paar Kilometer geht rechtwinklig eine Straße ab, die zu einem Dorf führt.
An diesen Kreuzungen stehen riesige Betonsockel von ehemaligen Kolchosen und immer eine Bushaltestelle, manchmal auch eine Toilette. 
Zu einem Dorf fahren wir hin, um eine Pause im Schatten zu machen. Wir suchen den Dorfladen. Eine Frau weist uns zum „bile dom“. Sollte das der Laden sein? Er ist es, wenn auch nur ein dunkles Kämmerlein in einem Privathaus. Es gibt Limonade, Süßigkeiten, Reis, Nudeln und Eis. Wir kaufen eine billige Limo, die von Farbstoffen leuchtet, und setzen uns in den Schatten eines Baumes. Die nette Verkäuferin kommt heraus, bringt Tassen und fragt, ob wir Kaffee wollen. Ich frage, ob sie „naturnaja“ Kaffee hat, sie nickt begeistert. Nun hoffen wir statt auf einen Instantkaffee auf einen türkischen Bohnenkaffee. In der Gaststätte war das jedenfalls so. Die Frau bringt die Kaffeebüchse, wir sollen uns bedienen. Der Kaffee darin ist sehr „natur“, nämlich aus Getreide. Dazu gibt es gute Milch von der eigenen Kuh. Die Kuh ist aber nicht da, sondern mit dem Hirt auf der Weide. Die Kinder (13 und 16) sind auch nicht da, sie leisten unbezahlte Feldarbeit. Auch die Hühner, von denen ein längs aufgeschnittener Reifen zeugt, sind abwesend. Der Kater ist stattlich, das käme von der guten Milch, sagte der Mann der Verkäuferin. Der Kettenhund hatte zwei Junge. Wir werden zum Essen eingeladen. Der Mann arbeitet nachts als Beregnungsmaschinenfahrer auf dem Feld. Er zeigte uns einen Benzinkanister, den er noch von seiner Babuschka hat. Der Kanister trägt die Inschrift „Deutsche Wehrmacht, Coburg 1942“ und ist noch in Benutzung. Die Familie hat einen 20 Jahre alten Moskwitsch, aber das Leben (Trinkwassermangel) hier ist hart, die jungen Leute ziehen in die Stadt. 
Wir radeln weiter durch den heißen Steppenwind. 14 Uhr erreichen wir das Meer. Wir zelten wunderschön auf einem Muschelstrand im Dorf Portove. 20.30 Uhr geht über dem Meer die Sonne unter und Uwe in den Schlafsack schlafen. In der Dunkelheit sieht man an zwei Stellen in der Ferne die Steppe brennen.

16. Urlaubstag (34 km)

Im Brackwasser unweit unseres Zeltes entdecken wir Sumpfvögel, Schwäne, „Haubenspatzen“. Ich mache es anderen Leuten nach und genehmige mir eine Schlammkur. Uwe holt sich zwei Bier und fällt in Tiefschlaf. So gehe ich allein ins Dorf und esse gut zu Mittag. Eine Kuh sucht am Strand nach Essbarem. Lustig ist, dass in ihrem Schatten immer ein Schafbock folgt.
18 Uhr brechen wir erst auf, aber es ist noch immer recht warm. Wir radeln auf einem Radweg (5 km Länge), den Einzigen, den wir in der Ukraine bisher sahen. 
Am Radweg ist sogar ein Klo. Die Toiletten sind immer nach Geschlechtern getrennt, so braucht man keine Türen.
Wir fahren an großen Zwiebelfeldern vorbei. Die Ernte wird verkaufsfertig von LKW abgeholt. 
Es dämmert schon, und die Leute in den Dörfern warten mit Stöcken in der Hand auf ihre Kuh, die der Hirt von der Weide bringt. 
Wir radeln an einem Feuer vorbei, dass wir noch hätten löschen können, wenn wir einen Spaten gehabt hätten. 
Das Zelt bauen wir an einem See in Rekordgeschwindigkeit auf, da die Mücken uns überfallen.

17. Urlaubstag (108 km)

5.00 Uhr stehen wir auf, und wegen der Mücken sitzen wir 5.12 Uhr auf dem Tandem. 
In der Stadt Armiansk frühstücken wir am Gemüsemarkt zwischen Biertrinkern vor einem Kiosk. Eine Rotte von 9 Hunden (Mischung aller Rassen) rennt herum. Der Hundeanführer „vergewaltigt“ mehrmals unter Beifall und Gelächter der Bierzecher eine Hündin.
Wir fahren entlang des Krimkanals auf der Schnellstraße an abgeernteten Feldern entlang. In den bewässerten Gärten wachsen Gemüsen und auch ein paar Blumen. Als wir in einem Dorf etwas einkaufen (8 Uhr haben wir 40 km zurückgelegt), zeigt uns ein Mann seinen tätowierten Arm. Auf dem steht. „Leipzig DDR“. Da war er Soldat.
In der Mittagshitze erreichen wir Kalanchak und kaufen uns ein Eis. Die Ladenbesitzerin bringt uns Kwas mit Zucker heraus und schenkt uns einen Kalender. Wir sind die ersten Deutschen, die sie sieht. Sie empfiehlt uns den Badeort Chorly. So radeln wir endlose 20 km durch die heiße Ebene, links und rechts verdorrtes Gras. Endlich erreichen wir die Halbinsel (an der schmalsten Stelle 200 m breit), auf der sich das Dorf befindet. 
Der Sandstrand ist sehr schön. Es gibt gute Zeltmöglichkeiten, wenig Leute, sogar das WC ist in annehmbaren Zustand. Wir baden und sonnen uns.

Dann wollen wir Abendbrotessen gehen. Aber die Strandgaststätte ist schon dunkel. Als wir kommen, wird aber alles wieder angemacht, und man kocht uns ein gutes Essen. Für 56 Griwna gibt’s Suppe, Salat, Spaghetti, Fisch, 1 l Saft, 2 Flaschen Bier.

18. Urlaubstag (48 km)

Wir verleben einen herrlichen Tag am Strand. Die Zeugen Jehovas versorgen uns mit russischer Lektüre. Eine junge Frau aus Hamburg (gebürtige Russin) erzählt uns von einer deutschen Gräfin, die früher den Strand in Ordnung halten ließ und Moorkuren durchführte. Die Hamburgerin findet den jetzigen Zustand der Halbinsel furchtbar, „wie nach dem Krieg“. Uns gefällt die Halbinsel sehr gut. 16 Uhr radeln wir los. Viele Vögel fallen uns auf. Die Strecke führt schnurgerade mit sehr starkem Gegenwind durchs öde Land, man kommt kaum vorwärts und fühlt sich wie auf einem Hometrainer. 
In Kalanchak überqueren wir den Krimkanal und biegen auf eine Nebenstrecke ab (Abkürzung zur Hauptstraße). Nach 15 km erreichen wir das einzige Dorf, Novomykalaivka. Einst hatte es einen Kulturpalast, ein prunkvolles Stadion und einen Park. Jetzt fahren wir an den verlassenen Bauten vorbei, im Stadion weiden die Kühe. Mit geflochtenen Peitschen warten nun die einstigen stolzen Kolchosebauern auf ihre heimkehrende Kuh. Das ist für uns das Zeichen, einen Platz zum Zelten zu suchen. Wir schlagen das Zelt in den zwei Baumreihen auf, die sich zwischen riesigen Feldern befinden. Hell scheint der Mond auf unser Zelt.

19. Urlaubstag (78 km)

Der Mond steht hell an der anderen Seite, als wir 5 Uhr wieder aufstehen. 15 km weiter halten wir Rast an einem Gemüsemarkt und essen Bortsch. In der Gegend hier um den Krimkanal gedeihen Paprika, Tomaten und Zwiebeln. Auf dem Markt wird alles in großen Säcken umgeschlagen, teilweise von LKW zu LKW.
 
Bei Kherson besuchen wir einen riesigen Marktplatz, wo wirklich alles gehandelt wird.
Dann überqueren wir die Ziellinie: Den Fluss Dnipro, der doppelt so breit ist als der Rhein bei Mainz. Auf der hohen Brücke stehen die Angler.
In Kherson suchen wir gleich den Bahnhof auf, um Fahrkarten für die Heimfahrt zu kaufen. Mehrmals stellte ich mich geduldig an verschiedenen Schaltern an:
1.Information (Info über Abfahrzeit des Zuges)
2.Schalter 9 (erfolglos, da ich meinen Pass nicht dabei habe)
3.Schalter 9 (erfolglos, da bei Fahrten Richtung Lviv Schalter 1 – 4 zuständig sind)
4.Schalter 3 (erfolglos, da heute nur noch ein Platz in einem Zug Richtung Westen frei ist. Erst ab 3. September gibt freie Plätze. Nur durch Hartnäckigkeit und Hilfe eines Rucksacktouristen erfahre ich, dass man 14.30 Uhr noch einmal nachfragen kann.)
5.Schalter 12 für 1. Klasse (erfolglos; Erst ab dem 3. September gäbe es wieder irgendeine Fahrkarte Richtung Lviv.)
6.Schalter 3 (Nach viertelstündiger Suche im PC „findet“ die Angestellte zwei Plätze für mich. Die Fahrt für beide kostet nur 230 Griwna = 23 €.)
7.Gepäckschalter für „Bagaschschein“ 
8.Informationsschalter (wo fährt der Zug ab?)
Kein Angestellter an all den Schaltern konnte deutsch oder englisch. Bevor ich jedoch den Gepäckschein (für 1 €) bekomme, muss ein Arbeiter in Arbeitsklamotten unser Gepäck begutachten und entscheiden, ob es sich um „klein“, „mittel“ oder „groß“ handle. Dieser Mann ist der Einzige, der sich ein paar Wörter deutsch angeeignet hat und sich bemüht, mich zu verstehen. 
15 Uhr fährt der noch leere Zug ein. 1000 Urlauber rennen auf dem Bahnsteig hin und her. Ich bin aufgeregt: Nimmt man uns mit dem Tandem mit? Ich muss ja am Montag pünktlich am neuen Arbeitsplatz erscheinen! Und „Njet“ = Nein sagt die Waggonchefin und auch der Zugführer, das hohe Trinkgeld ignorierend, als er unser Tandem sieht. Uwe aber fängt einfach an, das Rad zu demontieren und in den Zug zu heben. Die Waggonchefin tut so, als ob sie es nicht sieht. Wir sind schweißüberströmt, als wir das Rad in letzter Minute schließlich in den Schlafwagengang zerren und verzurren. Uwe leert das erste kalte Bier. Da regt sich ein Passagier im Nachbarabteil über unser Tandem auf, ein „Mister Oberschlau“. Nun sollen wir laut Zugpersonal das Tandem mit in den Liegewagen nehmen. Ein alter geduldiger kranker Mann ist unser Mitpassagier. Nun steht das Tandem senkrecht im Liegewagenabteil. Aber Mister Oberschlau und die aufgehetzte Schaffnerin wollen nun, dass das Tandem an die Decke müsse. Uwe will das nicht. Denn er hält das Unterfangen wegen Platzmangel für schwierig und fürchtet, das Fahrrad zu beschädigen. Mister Oberschlau lässt keine Ruhe und geht zur Tat über, legt selbst Hand mit an. Dabei fällt ihm die volle Trinkflasche auf dem Kopf, und er beschmiert sich mit Kettenöl. Endlich hängt das Tandem an der Decke, das Vorderteil ragt ins Gepäckfach. Mister Oberschlau geht Händewaschen. Da aber kein Handtuch da ist, ist er nun zwecks Beschwerde zur Schaffnerin unterwegs. 
Im Mitropawagen trinken wir Kaffee, Uwe spielt Schach. Als wir bei einem Aufenthalt frische Luft auf dem Bahnsteig schnappen, zeigen die Leute mit Fingern auf unser Abteil mit dem Tandem an der Decke. Auch mir ist schleierhaft, wie wir es da raufgebracht haben.

20. Urlaubstag (8 km)

Wir haben bis 8.30 Uhr ganz gut geschlafen und werden mit russischen Schlagern geweckt. Der alte Mann ist inzwischen aus- und eine nette Frau eingestiegen. Wir unterhalten uns auf Russisch und schildern unser heranrückendes Problem, über welchen Grenzübergang wir in die Slowakei kommen. Die Frau wohnt in Livov (russisch) - Liviv (ukrainisch) - Lemberg (deutsch). Sie telefoniert sieben Mal mit ihrem Handy und sagt uns dann, dass wir den Fußgängerübergang in Mali Sedmenzi zwischen Uschgorod und Schop benutzen können. 
In Lviv bekommen wir auf Anhieb eine Fahrkarte für den nächsten Zug nach Uschgorod, und man lässt uns auch ohne Probleme einsteigen. Das Tandem hebt Uwe mithilfe eines großen Mannes auf die Gepäckablage. Das sieht gefährlich aus, hält jedoch. Wir sitzen sechseinhalb Stunden auf schmalen Sitzen. Am Ende der Fahrt unterhalten uns zwei Gruppen von Musik machenden Zigeunern.
Als wir 20.20 Uhr in Schop ankommen, dunkelt es bereits. Und es regnet. Wir fahren an vielen Zigeunerbehausungen vorbei, mir ist unheimlich zumute. Wir wollen am Fluss Latorica zelten. Der Boden ist so hart, dass wir gerade jetzt bei dem Regen noch einmal den Platz wechseln müssen. Heimelig ist es dann, als wir endlich im gemütlichen Zelt im kuscheligen Schlafsack liegen. Außerdem zelten wir jetzt so versteckt, dass uns kein Zigeuner finden wird.

21. Urlaubstag (60 km)

Es regnet, wir bleiben ganz, ganz lange liegen und tun voreinander so, als ob wir schlafen. 7 Uhr packen wir das tropfende Zelt ein. 10 km sind es bis zu dem Dorf, in dem angeblich ein Grenzübergang sein soll. Und da ist er tatsächlich. Aber ob man da auch Ausländer drüber lässt? Etwa 100 Slowaken stehen auf der anderen Seite an, gründlich werden die Taschen untersucht. Auch der Mann vor uns wird durchsucht. Dann winkt man uns freundlich heran und fragt, wo wir herkommen. Uwe schwärmt gleich los von der Ukraine, und rasch werden wir ohne Gepäckkontrolle durchgelassen. Wir können es kaum fassen, als wir so schnell in die Slowakei gekommen sind. In Velke Kapusany wechseln wir Geld. Griwna nimmt man uns aber nicht ab. Wir radeln zum Bahnhof nach Banovce. Auf der Hinfahrt hatte ich mir die Zugabfahrtszeiten notiert, tatsächlich kommt 13.13 Uhr der Zug und nimmt uns nach Kosice mit. Bei einem Stadtbummel spielt Uwe am Großschach.
Von Kosice fahren wir bequem im Schlafwagen in der Nacht nach Cheb.

Letzter Urlaubstag (78 km)

Auf bekannter Strecke radeln wir von Cheb über das Fichtelgebirge nach Hause.

 

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